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Resilienz, Introvision und der Vulkan

Warum Introvision Resilienz fördern könnte und wie sich das bei einem Vulkanausbruch zeigen kann…

Ein Beitrag von Petra Spille und Sonja Löser

Resilienz ist aktuell in aller Munde und wird bei den verschiedensten Themen eingebracht. Auch aus Sicht der Introvision ist Resilienz spannend: Wir betrachten Introvision als geeignete Methode, um mittels der Selbstregulation viele mentale Prozesse zu trainieren, die sich positiv auf die Resilienz auswirken können. Aber was genau ist Resilienz und mit welcher Definition wollen wir arbeiten? Meine Kollegin Petra Spille empfahl mir das Buch von Raffael Kalisch „Der resiliente Mensch. Wie wir Krisen erleben und bewältigen.“, von dem sie inhaltlich und stilistisch sehr angetan ist. Um darüber diskutieren und eine Position als Netzwerk Introvision entwickeln zu können, besorgte ich mir das Buch. Besorgt ja – aber noch lange nicht gelesen… bis zu meinem nächsten Flug nach La Palma. Dort wollten mein Mann und ich die Überreste eines Ferienhauses – in dem wir viele schöne Urlaube verbracht haben – unter mehreren Metern Lava aufsuchen. Ich kann im Flugzeug unheimlich gut arbeiten, es gibt nicht viel Ablenkung und der Bewegungsradius ist klein. Seiten umblättern geht gerade noch so und Notizen machen auch. Der Titel des Buches und vor allem sein Inhalt waren dann im Grunde das Motto der Reise. Dies war nicht so geplant – zumindest nicht bewusst. Die eigene Auseinandersetzung mit dem Vulkanausbruch und seinen Folgen waren der eine, die Erfahrungen der Menschen, die wir trafen, der andere Teil des Realitätsabgleichs zwischen Theorie und Praxis der Resilienzfeldforschung auf Reisen. Alles, was ich von den verschiedenen vom Vulkanausbruch sehr unterschiedlich betroffenen Menschen erfuhr, waren im Grunde Nachweise für das, was Raffael Kalisch in seinem Buch thematisiert.

Resilienz in der Theorie

Allgemein wird der Begriff Resilienz häufig undifferenziert und ohne konsequente Definition verwendet. „In der Materialkunde bezeichnet er Stoffe, die auch nach extremer Spannung wieder in ihren Ursprungszustand zurückkehren. Übersetzt wird er häufig als ‚Widerstandsfähigkeit‘“(I). Also beispielsweise ein Gummiband: Wieviel Spannung hält es aus und unter welchem Ausmaß oder welcher Dauer an Spannung nimmt es die vorherige Form noch an und ab wann nicht mehr? Raffael Kalisch arbeitet in Bezug auf Menschen und ihre psychische Gesundheit folgende Definition heraus: „Aufrechterhaltung oder rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während und nach Widrigkeiten“ (S. 28) (II). Diese Definition soll auch die Messbarkeit von Resilienz ermöglichen. Wenn nicht klar ist, worum es eigentlich geht, wie soll es dann erforscht oder gemessen werden? Das stringente Vorgehen und auch die selbstkritische Herangehensweise sprechen auch mich sehr an. Kalisch verdeutlicht, dass die Schaffung von Grundlagen für die Messung von Resilienz qualitative Forschung erfordert, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die in späteren Schritten verallgemeinerbar in quantitativer Forschung genutzt werden können. Es gibt unzählige individuelle Faktoren, die sich auf die Resilienz von Menschen auswirken, welche sich jedoch nicht in quantitativen Forschungsformaten zeigen würden. Genauso verhält es sich mit den Möglichkeiten, Resilienz zu stärken. Es gibt kein für alle wirksames Allheilmittel, das immer zu mehr Resilienz führt. Resilienz ist nicht bei einem Menschen in einem bestimmten Umfang vorhanden oder auch nicht. Sie kann sich im Laufe des Lebens verändern, genauso wie andere Bedingungen oder Fähigkeiten sich mit der Zeit verändern. Es kann zum Beispiel sein, dass ich im Alter von 20 Jahren anders mit einer Krisensituation (Widrigkeit) umgegangen wäre als jetzt. Es kann auch sein, dass ich damals schneller und weiter laufen konnte, weniger Schlaf brauchte etc. Kalisch betont: „Resilienz, definiert als Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit trotz Stressoren, ist das Ergebnis eines dynamischen Prozesses der Anpassung und damit nichts Passives, keine feststehende Persönlichkeitseigenschaft“ (S. 83). Resilienz wird als Prozess beschrieben, der dynamisch bleibt und je nach dem, wie resilient oder anpassungsfähig ich bin, beeinflusst dies auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Kalisch bezieht sich auf die Emotionsforscherin Magda Arnold, die bereits in den sechziger Jahren das Phänomen erforscht hat, warum wir vor Grizzlybären im Zoo keine Angst haben, während wir bei einer Begegnung in freier Wildbahn in Panik geraten. Sie kommt zu dem Schluss, dass es um die Zeitspanne zwischen dem sogenannten „Reiz“ und der „Reaktion“ geht, in der eine kognitive Analyse passieren kann (S. 97). Ist der Reiz jedoch mit einer Bedeutungs-Bewertung wie „Gefahr“ verbunden, kann keine oder eine nur eingeschränkte kognitive Analyse stattfinden, die alternative Handlungsentscheidungen hervorbringt. Das Ergebnis ist eine quasi automatische, reflexhafte Reaktion. Das ist auch gut, wenn es sich tatsächlich um Bären in freier Wildbahn oder andere tatsächliche Gefahren handelt. Die automatische Reaktion kann sich aber auch einstellen, wenn etwas in der Realität nicht lebensbedrohlich ist, aber so stark mit einer Gefahren-Bewertung verbunden ist, dass es zu ähnlich starken Reaktionen führt. Das kann passieren, wenn ich etwas sehr schlimmes erlebt habe und alles, was damit zusammenhängt, die Bedeutung der Katastrophe hat. War ich beispielsweise in einen Unfall verwickelt, der an einem Regentag passiert ist, kann es sein, dass Regen mich generell beunruhigt. Kommt dann noch ein weiterer Faktor hinzu (ich sitze im Auto und es regnet), fühlt es sich noch bedrohlicher an. Es wird deutlich: Die Bewertungen von Situationen spielen laut Kalisch für die Resilienz eine zentrale Rolle. Er unterscheidet zwischen einem eher negativen Bewertungsstil (NAS) und einem positiven (PAS).(III) Dieser angeeignete Bewertungsstil beeinflusst die wahrgenommene Bedrohung: Bei einem NAS werden Situationen bedrohlicher wahrgenommen und bewertet als bei einem PAS. Kalisch versteht unter PAS: „in Wahrscheinlichkeit und Größe realistisch bis moderat optimistisch, im Bewältigungspotential hoch. Dabei niemals illusionär“ (S. 134) .

Damit kommen wir bei der Introvision an. Die Übersetzung in die Sprache der Introvision wäre: Es kommt zu einer automatischen Reaktion, wenn es einen subjektiven Imperativ gibt, der auf jeden Fall eingehalten werden muss, um uns vor der dazugehörigen Subkognition zu bewahren. Diese soll mich vor dem angenommenen Schlimmsten („es kann sein, dass ein Unfall passiert“) bewahren, und es ist kein Spielraum für eine kognitive Analyse. In der Introvision gehen wir nicht davon aus, dass es zwischen einem Ereignis und unserer darauffolgenden Reaktion eine mysteriöse „Black Box“ gibt, in der das Unterbewusstsein undurchschaubar regiert. Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist gerade die Suche nach dem , was in dem Zeitraum passiert. Um herauszufinden, was genau in einer schwierigen Situation passiert ist,
verwenden wir zum Beispiel die Methode „Nachträgliches Lautes Denken“. Damit lässt sich auch lange nach einer Situation, in der eine automatische Reaktion stattgefunden hat, gut nachvollziehen, was mich zu dieser Handlung (oder Nicht-Handlung) bewegt hat oder welche Gedanken und Gefühle dabei im Spiel waren. Mit der Introvision und den dazugehörigen Wahrnehmungsübungen KAW (Konstatierendes Aufmerksames Wahrnehmen) versuchen wir, einen Fuß in den Spalt zwischen „Reiz“ und „Reaktion“ zu bekommen. Hiermit eröffnet sich ein Zeitfenster, so dass die konstatierende Wahrnehmung eine kognitive Analyse ermöglicht. Wenn das gelingt, nutzen wir unseren Einfluss auf die Situationsbewertung, sind Automatismen nicht mehr so ausgeliefert und haben mehr Entscheidungsmöglichkeit, wie die Reaktion ausfallen soll. Und das lässt sich lernen. In dem ich meine Wahrnehmung zum Beispiel mit KAW trainiere, lerne ich die Zeitspanne zwischen „Reiz“ und „Reaktion“ auszudehnen, die eigene Handlungsfähigkeit erhöht sich, die Selbstwirksamkeit wird spürbar. Training bedeutet, ich übe wirklich regelmäßig, bis es mir leichter fällt, in einem nicht-wertenden Modus für einen länger werdenden Zeitraum wahrzunehmen und dieser vielleicht sogar zu einer Grundhaltung wird, die ich jederzeit einnehmen kann. Wie bei allem, was Menschen neu lernen, dauert dies durchschnittlich 66 Tage (IV) – aber es lohnt sich!

Resiliente Pflanze

foto: andreas160578 (pixabay)

Resilienz in der Praxis

Mit dem Thema Resilienz im Kopf und der Überzeugung, Introvision stellt eine wirksame Möglichkeit zur Stärkung der Resilienz dar, landete ich dann auf der Insel. Mir half die Introvision dabei, mit den Auswirkungen dieses beeindruckenden Naturereignisses umzugehen. Natürlich habe ich keine Beweise, denn ich kann ja nicht wissen, wie es mir ohne die Introvision ergangen wäre. Ab dem Zeitpunkt der Landung fand dann eine Art Praxistest statt: Wie gut komme ich nun wirklich damit klar, das bisher nur Vorgestellte wahrhaftig zu sehen? Wie zuvor geahnt, war es sowohl schmerzhaft als auch heilsam. Ich hatte allerdings nicht mit dem Ausmaß gerechnet. Das Thema Vulkan ist in allen Lebensbereichen und Gesprächen präsent und in beinahe jeder Begegnung spürbar. Hinzu kommt, dass der Vulkan in einer Zeit ausbrach, in der es für die Insel nach Beginn der Corona-Pandemie gerade wieder ein wenig bergauf ging. Corona hat sich stark auf die Einkommenssituation vieler Menschen ausgewirkt – auch auf La Palma. Der Bananenanbau ist nach wie vor die erste Einnahmequelle der Insel, der Tourismus liegt an zweiter Stelle. Dementsprechend war Corona auch in dieser Hinsicht eine Herausforderung. Als der Tourismus langsam wieder Fahrt aufnahm und die Zeit der Corona-Krise genutzt wurde, um zahlreiche Verbesserungen im Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit anzuschieben, kamen die ersten Erdbeben, die den Vulkanausbruch vom 19.09.2021 ankündigten. Nun, wo sich die Menschen auf der Insel auch davon langsam erholen und versuchen, sich eine neue Zukunft aufzubauen, wirkt sich der Krieg in der Ukraine auch auf die kleine Insel mitten im Atlantik aus. Wer so schon knapp bei Kasse ist und eventuell nicht nur das Zuhause, sondern auch noch den Garten verloren hat, der für die Selbstversorgung der Familie oder sogar als Einnahmequelle durch den Weiterverkauf von Obst und Gemüse genutzt wurde, ist nun noch mehr in Not.

Die Geschehnisse rund um den Vulkanausbruch betreffen nicht nur die Menschen, die ganz konkret ihr Zuhause und häufig das von mehreren Generationen aufgebaute Zentrum der Familie verloren haben. In den drei Monaten, in denen der Vulkan aktiv war, bebte dauernd die Erde, die Scheiben klirrten, die Luft war voller Gase und/ oder Asche, die sogar auf Nachbarinseln gerieselt ist. Die Asche hat zum Teil ganze Gegenden unter sich begraben, manche Häuser lassen sich vielleicht noch ausgraben, aber unter der Masse von so viel Asche bricht auch ein stabiles Haus irgendwann zusammen, Bananenzelte erst recht. Wer schulpflichtige Kinder hat, freute sich, als die Schulen endlich wieder regelmäßigen Präsenzunterricht durchführen konnten, bis aufgrund der giftigen Vulkanluft die Fenster nicht mehr zum Anti-Corona-Lüften geöffnet werden durfte. Noch immer ist der südwestliche Teil der Insel von der Welt abgeschnitten, denn die Lava hat alle Straßen unter sich begraben. Die neue Straße ist in Arbeit und wurde Mitte Juni 2022 für bestimmte Zeiten am Tag für Anlieger mit 4-Rad Fahrzeugen freigegeben. Ein zentraler Küstenort und ein paar kleinere Dörfer sind weiterhin gesperrt und dürfen unter keinen Umständen betreten werden, da dort CO² in großen Konzentrationen gemessen wird, das auch in die Gebäude dringt. Einige Menschen, die alles verloren haben, konnten sich bereits um ein neues Zuhause kümmern oder wohnen in Übergangsunterkünften, die vom Staat bereit gestellt werden. Aber es gibt immer noch sehr viele Menschen, die auf engem Raum bei Familie oder Freunden untergebracht sind. Die Dorfgemeinschaften wurden auseinandergerissen, der gewohnte Mikrokosmos existiert nicht mehr. Die Gelder von Versicherungen und Entschädigungen vom Staat wurden an manche schon ausgezahlt, andere haben noch nichts oder nur einen Teil bekommen. Das erschwert den Neuanfang und den Aufbau neuer Perspektiven. Manche Menschen haben sich entschieden, nicht mehr auf einer Insel mit aktiven Vulkanen leben zu wollen und sind auf eine der Nachbarinseln oder auf das Festland gezogen. Die Immobilienpreise sind explodiert, da die Nachfrage rasant gestiegen ist. Mir wurde sehr deutlich, dass eine multiple Betroffenheit mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Anpassungsfähigkeit senkt.
Die Menschen, die ich getroffen habe und die schon vor dem Vulkanausbruch stärker durch Corona-Krise (Einkommen, Kinder), Waldbrand (2016) oder andere Schicksalsschläge (Widrigkeiten) betroffen waren, erholen sich schwerer. Eine konstatierende oder positiv oder gar zufriedene Einschätzung der Situation einzunehmen scheint zunächst unmöglich. Denjenigen, die während der Pandemie nicht um ihren Job bangen mussten und kein Homeschooling zu organisieren hatten, fiel es eher leichter, nach dem Vulkanausbruch neue Perspektiven aufzubauen. Natürlich gibt es Ausnahmen! Auch unter denjenigen, die von all dem stark betroffen waren, gibt es welche, die nicht aufgeben, immer ein Licht am Ende des Tunnels sehen und sich an die neue Situation kreativ und voller Elan anpassen können. Um das zu können,
scheint mir die Fähigkeit, den Ist-Zustand anerkennen zu können, wieder einmal unerlässlich. Ich verstehe aber auch sehr gut, dass es für manche sehr schwer ist, den Verlust zu verarbeiten und es manchmal einfach länger als ein paar Monate braucht, um zu trauern und zu verarbeiten. Dabei gibt es auch wieder keinen richtigen oder für alle passenden Umgang mit so einem Ereignis und allem was daran hängt. Sich und andere nicht zu vergleichen oder zu bewerten hilft vielleicht dabei, den eigenen Weg für die Verarbeitung zu finden. Kalisch schreibt:
„… um zu positiven Bewertungsinhalten zu gelangen, brauchen wir gut funktionierende kognitive Mechanismen der Um- und Neubewertung des zunächst Schlechten.“ (S. 180)
Das Konstatieren ist unserer Ansicht nach ein geeigneter Zwischenschritt, um diese resilienzfördernde Umbewertung zu erreichen.

Ich bin sehr berührt von all den persönlichen Geschichten, die ich in den 14 Tagen gehört habe. Es wäre schön, gäbe es so etwas wie eine Chronik zu diesem Vulkanausbruch. Um Resilienz bei Menschen zu erforschen, wäre dieses Naturereignis mit all seinen Folgen ein so spannendes Forschungsfeld. Da ist wirklich etwas Besonderes passiert, was sehr viele Menschen auf einer kleinen Insel mitten im Atlantik betrifft und verbindet. Idealerweise hätte der Forschungszeitraum schon vor Corona beginnen müssen, dann gäbe es jetzt viel spannendes Forschungsmaterial. Doch dafür wäre ein Blick in die Kristallkugel nötig gewesen.

Resilienz: Risiken und Nebenwirkungen

Kalisch setzt sich in seinem Buch auch kritisch damit auseinander, welche Gefahren die Erforschung der Resilienz haben könnte. Ob die Verbreitung wirksamer Maßnahmen zur Steigerung der Resilienz womöglich zu höherem Druck auf einzelne Individuen führt (S. 104). Zum Beispiel in Form von Selbstoptimierungswahn oder höheren Erwartungen aus Chefetagen. Wenn ich meine Resilienz steigern kann, kann ich ja dementsprechend auch den Erwartungsdruck auf mich selbst und/ oder auf Mitarbeiter*innen erhöhen. Nach dem Motto: Wer zu schwach ist, macht es nicht richtig…(S. 122) Resilienztrainings könnten auch als Konfliktumgehungsstrategien verwendet werden. Wenn wir uns nicht fragen, was die Ursache für den Stress ist, dann lernen wir zwar immer besser, mit allen Widrigkeiten umzugehen, verstehen aber nicht, was das zugrundeliegende Problem ist. Was wollen wir eigentlich? Was tut uns gut? Was hat das Potenzial, uns krank zu machen? Kalisch hat die Hoffnung, dass die Ergebnisse der Resilienzforschung mit der Zeit für alle Bevölkerungsschichten zugänglich sind, was sich positiv auf die Gesundheit der Menschen auswirken kann. Er kommt zu der Bewertung, die Chancen überwiegen im Verhältnis zu den Risiken (S. 139). (V)

Warum Introvision Resilienz fördern könnte und wie sich das bei einem Vulkanausbruch zeigen kann…

Im Zuge seiner Forschung hat Kalisch eine Theorie entwickelt, die er PASTOR (Positive appraisal style theory of resilience) nennt (S. 139). Bei dieser Theorie geht es darum, wie die verschiedenen Anteile einer traumatischen Situation bewertet werden. Er unterscheidet zwischen einem eher negativen Bewertungsstil (NAS) und einem eher positiven Bewertungsstil (PAS). Beim NAS werden nahezu alle Anteile der Situation langfristig negativ abgespeichert und lösen in Zukunft Alarm und Stress aus. Beim PAS werden nur bestimmte Anteile der traumatisierenden Situation langfristig als negativ bewertet und wirken dementsprechend stressauslösend. Bei dem positiven Bewertungsstil fällt es den Menschen leichter zu unterscheiden, wann eine reale Gefahrensituation besteht (S. 167) und sind auch schneller in der Lage, sich davon zu erholen. Maßgeblich ist also die Bewertung – genauso wie in der Introvision. Was bedeutet es für mich, wenn ich den Eindruck habe, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben? Wenn ich zum Beispiel ein Haus in der Nähe aktiver Vulkane gekauft habe… Ich kann mich dafür abwerten, es als persönliches Scheitern betrachten und riesige Angst vor allen zukünftigen Entscheidungen haben. Schließlich könnte ich ja wieder falsch liegen. Oder ich kann es als Chance sehen, etwas dazuzulernen, da ich mich und meine Ängste, Bedürfnisse oder Wünsche aufgrund zuvor gemachter Erfahrungen besser kenne.

„Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen und Beurteilungen über die Dinge. – Epiktet“ (S. 209)

Es geht Kalisch darum, einen Weg, ein Training oder eine Praxis zu entwickeln, die Menschen dabei hilft, sich einen positiven Bewertungsstil anzueignen. Sie lernen, Gefahren realistischer einzuschätzen und dadurch eine Menge Stress und Energie zu sparen, was sich positiv auf die Gesundheit auswirkt und zu weniger Stresserkrankungen führt. Potentiell könnte sich das auch positiv auf die Gesellschaft auswirken: Wenn Menschen weniger Angst haben, ist mehr Raum für Offenheit und Empathie. (VI) Aber wie kann ich das schaffen? Was kann mir dabei helfen, meine über Jahre größtenteils unbewusst antrainierten
Bewertungsmuster zu verändern und positiver auf die Welt zu zugehen? Wie kann ich mir dieser Automatismen bewusster werden, damit ich sie überhaupt ändern kann? Introvision und PASTOR sind ähnlichen Erkenntnissen entsprungen und könnten sich ineinandergreifend ergänzen. Introvision bietet alltagstaugliche Methoden, ums all jene Faktoren, die Kalisch als reslienzfördernd erarbeitet hat, im Alltag umzusetzen. Unsere Erfahrungen mit der Introvision zeigen, dass die Methodik dieses Ansatzes die Menschen genau dabei ganz praktisch und alltagsnah unterstützt. Unser Ziel beim Training der Wahrnehmung ist, die Aufmerksamkeit lenken zu lernen. Bestenfalls kann man irgendwann auch dem Schlimmen ins Gesicht sehen und dabei sogar einigermaßen gelassen bleiben. Im übertragenen und verkürztem Sinne lerne ich in einem Trainingsprogramm der Introvision, jene Situationen, in denen mir ein Grizzlybär in freier Wildbahn gegenübersteht, von jenen zu unterscheiden, in denen es ein Schutzgehege gibt. Bezogen auf den Vulkan könnte es auch darum gehen, Schritt für Schritt das anzuschauen, was ich verloren habe oder was mir aktuell Angst macht. Erst wenn ich das anerkennen und auch ein Stück weit loslassen kann, bin ich wieder in der Lage, in die Zukunft zu sehen und irgendwo im größten Dilemma sogar etwas Positives zu erkennen. Zum Beispiel, dass es ein ganz wunderbarer Ort war, den es nun nicht mehr gibt, es ein großes Glück ist, eine Zeit lang dort gewesen zu sein und viele schöne Erinnerungen daran zu haben. Solange ich mich nicht mit dem Verlust auseinandersetzten kann, bleiben die eigentlich schönen Erinnerungen eher negativ behaftet. Wenn sie hochkommen, fühle ich mich eher traurig oder hilflos. Um wieder unbeschwerter an das Verlorene denken zu können, erfordert es aus unserer Sicht einen Introvisionsprozess. Kalisch formuliert es wie folgt: „Eine Neu- und Umbewertung beginnt sehr oft in Phasen innerer Einkehr. Allerdings muss sie sich danach im echten Leben bewähren“ (S. 185).
Es geht nicht darum, etwas zu überschreiben oder die Trauer zu verdrängen. Sondern vielmehr darum, sich dem zu stellen, was ist. Zu Beginn ist das noch schwer, denn alles mögliche triggert den Verlust an. Mit der Zeit kann es aber weniger schlimm werden, nicht mehr jeder Alltagsgegenstand löst Schmerz und Trauer aus. Es ist normal, dass zunächst die negative Bewertung überwiegt. Langfristig kann die bewusste Erinnerung aber auch positive Seiten haben, denn gäbe es nicht etwas Positives an dem Verlorenen, wäre es ja auch nicht so tragisch, es nicht mehr zu besitzen (z. B. im Fall von Immobilien). Irgendwann erinnert mich nicht jede Wäscheklammer oder Pflanze an den Verlust und es ist mehr Platz zum Sortieren von Bewertungen. In Bezug auf die Gefahr weiterer Vulkanausbrüche, wäre es ebenfalls sinnvoll, sich mit allen Anteilen der schwierigen Situation auseinander zu setzen. Dann kann ich bei den nächsten Entscheidungen berücksichtigen, wie groß meine Angst ist. Wo fühle ich mich wohl und sicher, nachdem ich miterlebt habe, auf wieviele Lebensbereiche sich ein Vulkanausbruch auswirkt? Wenn ich versuche, die Verarbeitung zu überspringen oder auszublenden, ist das Risiko hoch, mir wiederum Stress vorzuprogrammieren, indem ich beispielsweise denke, es schon aushalten zu können (zum Beispiel mit Hilfe eines Resilienztrainings…). Es geht darum, eine möglichst realistische Einschätzung der Gefahr zu haben und nicht, die Angst auszublenden zu können. Dazu kann auch gehören, die sehr große Angst zu akzeptieren, die ich vor einem erneuten Vulkanausbruch habe. Und zu konstatieren, dass ich mich daher auf der Insel nicht mehr sicher fühle. Wenn ich keine Perspektive habe, diese Angst abzubauen, ist das Leben auf einer Insel wie La Palma mit Sicherheit ganz schön anstrengend und Stresserkrankungen höchstwahrscheinlich. Für jemand anderen kann das wiederum ganz anders sein. Wird die Gefahr eines weiteren Vulkanausbruches am Wohnort als gering eingeschätzt, kann ich auch dann ruhig schlafen, wenn es mal ein Erdbeben gibt. Denn zu einer realistischen Einschätzung gehört auch mein inneres Erleben und nicht nur die Wahrscheinlichkeitsrechnung der Vulkanologen.

Literatur:
Raffael Kalisch (2020): Der resiliente Mensch: Wie wir Krisen erleben und bewältigen. Neueste Erkenntnisse aus Hirnforschung und Psychologie. 3. Auflage, Berlin Verlag

Fußnoten:
(I) https://www.bmz.de/de/service/lexikon/70564-70564 (2022 06 27, 17:34)
(II) Die im Text genannten Seitenzahlen beziehen sich jeweils auf: Raffael Kalisch (2020)
(III) NAS: negativer Bewertungsstil (engl. „negative appraisal style“). PAS: positiver Bewertungsstil (engl. „positive appraisal style“), vgl. Glossar Kalisch (2020, S. 212)
(IV) Lally P. et al. (2010): How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social PsychologyVolume 40, Issue 6
(http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ejsp.674/abstract)
(V) Wer an weiterer kritischer Auseinandersetzungen aus soziologischer Sicht interessiert ist, sei verwiesen auf Gräfe, Stefanie (2019): Resilienz im Krisenkapitalismus. Wider das Lob der Anpassungsfähigkeit. transcript-Verlag, Bielefeld
(VI) Kast, Verena (2007): Vom Sinn der Angst. Wie Ängste sich festsetzen und wie sie sich verwandeln lassen. 7. Auflage. Herder, Freiburg im Breisgau

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