1. Mai 2026 · Aktuelles · Petra Spille uns Sonja Löser
Es ist nie genug – oder?
Vieles ist geschafft, der Tag war gefüllt – und dennoch bleibt das Gefühl: Es hätte mehr sein können. Noch etwas wäre optimierbar gewesen. Noch ein bisschen effizienter, fokussierter, besser. Der Berg, den man begonnen hat abzutragen, ist bis zum Abend schon wieder gewachsen.
Dieses leise, manchmal drängende Empfinden kennen viele. Es ist kein Randphänomen – es ist ein Grundgefühl unserer Zeit. Und es hat eine merkwürdige Qualität: Es lässt sich kaum wegarbeiten. Denn je mehr man tut, desto lauter wird manchmal die Stimme, die sagt: Es reicht noch nicht.

Abbildung: Sonja Löser (mit Canva)
Der Druck hat viele Stimmen
„Ohne Fleiß kein Preis.“ „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ „Augen zu und durch.“ Solche Sätze begleiten uns oft seit der Kindheit. Sie prägen, wie wir uns selbst bewerten – und wie wir auf innere Erschöpfung reagieren. Meist ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.
Dazu kommt eine Kultur der Selbstoptimierung, die kaum Pause kennt: Schlaf optimieren. Ernährung cleanen. Produktiver, resilienter, fokussierter werden. Achtsamkeit üben. Journaling. Cold Exposure. Was als Selbstfürsorge beginnt, wird schnell zum nächsten Anspruch auf der Liste. Die Frage „Tue ich mir etwas Gutes?“ verschiebt sich unmerklich zu: „Mache ich genug, um besser zu werden?“

Abbildung: Petra Spille (mit Canva)
Selbst Erholung wird funktionalisiert. Eine Pause ist keine Pause mehr – sie ist Regeneration für mehr Leistung. Und genau hier liegt das Paradox: Der Versuch, dem Druck zu entkommen, erzeugt neuen Druck.
Dahinter steckt oft eine nur allzu verständliche stille Hoffnung: Wenn ich nur gut genug organisiert, gesund und effizient bin, werde ich irgendwann ankommen. Werde ich endlich genug sein. Doch dieser Punkt verschiebt sich immer weiter in die Zukunft – und die Gegenwart bleibt ein Dauerprojekt.
Was Introvision anders macht
Die Introvision – eine psychologische Methode, entwickelt von Prof. Dr. Angelika Wagner – setzt nicht bei neuen Strategien an. Sie fragt stattdessen grundlegender: Welche inneren Imperative treiben mich eigentlich an? Und: Sind das wirklich meine eigenen Überzeugungen – oder übernommene Anforderungen, denen ich folge, ohne sie je bewusst gewählt zu haben?
Der Unterschied zwischen „Ich möchte diesen Text bis Freitag fertigschreiben“ und „Ich darf das auf keinen Fall nicht schaffen“ klingt subtil – ist es aber nicht. Der erste Satz kommt aus Klarheit und einer bewussten Entscheidung. Der zweite kommt aus Druck, aus dem Gefühl, dass ein Scheitern nicht erlaubt wäre. Beide können zur gleichen Handlung führen – aber das innere Erleben dabei ist grundverschieden. Und langfristig auch die Wirkung auf Körper und Psyche.
Introvision unterscheidet hier zwischen zwei Haltungen: dem imperierenden und dem konstatierenden Umgang mit inneren Zuständen.
Imperative klingen so: „Ich muss.“ „Ich darf nicht.“ „Ich sollte unbedingt.“ Und sind an ein Gefühl der Dringlichkeit gekoppelt. Sie erzeugen Enge, verengen Handlungsspielräume und erhöhen den inneren Druck und Widerstand – besonders dann, wenn zwei Imperative gleichzeitig wirken, etwa: „Ich muss produktiv sein“ und „Ich muss endlich zur Ruhe kommen.“ Es lohnt sich genauer hinzuhören wie der Imperativ lautet und auch die Stimmlage wahrzunehmen, mit der wir uns diese Selbstbefehle geben. Nett oder einfühlsam klingen die meistens nicht…
Konstatieren bedeutet dagegen: wahrnehmen, ohne sofort zu bewerten oder zu handeln. Es ist eine offene Haltung der Neugier statt der Kontrolle. Sie schafft Raum – für Differenzierung, für echte Entscheidungen, für Atemholen und eine wertschätzende Kommunikation mit und selbst.
Wo bin ich gerade wirklich?
Echter Wandel beginnt selten mit einem ambitionierten Wunschbild. Er beginnt mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme – nicht des Zustands, den man gern hätte, sondern des Zustands, der gerade wirklich besteht: Wie geht es mir jetzt?
Das klingt simpel, ist es aber nicht. Denn den eigenen IST-Zustand anzuerkennen bedeutet, unbequeme Wahrheiten stehen zu lassen, ohne sie sofort wegzuoptimieren. Es bedeutet auch, die eigenen inneren Selbstbefehle sichtbar zu machen: Reiß dich zusammen. Sei nicht so empfindlich. Das müsstest du längst können. Oft sprechen wir mit uns selbst in einem Ton, den wir niemand anderem zumuten würden. All diese Strategien sind Gewohnheiten geworden, die möglicherweise schon kaum noch auffallen – und wie schwer es sein kann, diese zu ändern, wird einem z. B. im Zusammenhang mit Neujahresvorsätzen deutlich.
Hinzu kommen blinde Flecken: Überzeugungen, die wir nie hinterfragt haben (die wir nicht hinterfragen). Annahmen, die so selbstverständlich wirken, dass wir sie gar nicht als Annahmen erkennen. Diese sichtbar zu machen ist keine Selbstanklage – sondern eine Form von Neugier sich selbst gegenüber.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: „Wie kann ich endlich genug sein?“ Sondern: „Was lässt mich glauben, dass es nie genug ist, wie ich bin oder was ich mache?“
In der behutsamen Auseinandersetzung mit dieser Frage liegt mehr Veränderungspotenzial als in jedem neuen Optimierungsprogramm.
Eine kleine Übung zum Ankommen
Die folgende Übung stammt aus der Introvisionspraxis und heißt KAW – Konstatierendes Aufmerksames Wahrnehmen. Sie dauert nur zwei Minuten, braucht keine Vorkenntnisse und nichts außer deiner Aufmerksamkeit.
So geht’s:
Suche dir eine Modalität aus, der du deine Aufmerksamkeit schenken möchtest – ein Gegenstand im Raum, ein Geräusch in deiner Umgebung oder eine Empfindung in deinem Körper.
Nimm beispielsweise den Raum wahr, in dem Du sitzt. Weit und offen, als würdest du den gesamten Raum deiner Wahrnehmung einschließen – und behalte gleichzeitig diesen einen Gegenstand als kleinen Ausschnitt im Fokus. Weite und Detail zugleich.
Wenn du abschweifst oder es sich angestrengt anfühlt: kein Problem. Lockere einfach die Aufmerksamkeit, stelle sie bewusst weit – und kehre ohne Druck zurück.
Drei Fragen danach:
- Konntest du gleichzeitig weit wahrnehmen und einen Fokus halten?
- Hat dich irgendetwas überrascht?
- Wie leicht oder schwer fiel die Entscheidung für eine Modalität?
Es geht nicht darum, die Übung „richtig“ zu machen. Es geht darum, einen Moment lang anzukommen – im eigenen Körper, im eigenen Erleben, im Jetzt. Ohne Bewertung, ohne Ziel, ohne Optimierungsabsicht.
Ankommen statt ankämpfen
Introvision ist kein Aufruf, weniger zu leisten oder Ansprüche aufzugeben. Das Ziel ist nicht geringeres Engagement – sondern ein anderer Ausgangspunkt für Handeln: aus Klarheit statt aus Druck. Aus einer bewussten Entscheidung statt aus einem inneren Zwang.
Das bedeutet auch: Wenn Methoden wie Meditation, Yoga oder Achtsamkeitspraktiken selbst zum Optimierungsprojekt werden, verlieren sie ihre eigentliche Wirkung. Dann lohnt es sich innezuhalten und zu fragen: Was versuche ich hier eigentlich zu kontrollieren?
Vielleicht ist die Alternative zur Selbstoptimierung kein neues System, keine Gegenbewegung, kein bewusstes Aufhören. Vielleicht ist sie schlicht das: ankommen. Im eigenen Körper, im eigenen Erleben, im Moment. Nicht als Technik – sondern als Haltung, die sich üben lässt.
Und wenn das manchmal nicht gelingt? Dann darf auch das so sein.
Dieser Beitrag basiert auf einem Webtalk des Bundesverbands Introvision (November 2025) mit Sonja Löser, Petra Spille und Norbert Distler. Die KAW-Übung stammt aus der Praxis der Introvision nach Prof. Dr. Angelika Wagner.
